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Mittwoch, August 17, 2005

an manchen tagen....

...überfällt einen die erkenntnis der sterblichkeit. nicht, daß mir diese neu wäre, nur manchmal erinnert sich mensch an dinge, die lange her sind und fragt sich, wie man sowas so schnell verdrängen kann.

wobei verdrängen nicht der richtige ausdruck ist, es gibt nichts, was ich da verdrängen könnte oder gar müßte.

begonnen hat das alles in meiner zivizeit. ich hab meinen zivildienst, ganz meinem willen, später medizin zu studieren oder zumindest im 'gehobenen' medizinischen dienst zu arbeiten, entsprechend, im krankenhaus abgeleistet. meine ersten vier monate führten mich auf die m5, eine kardiologisch-internistische station und ganz nebenbei die station in unserem städtischen krankenhaus, auf die erstens alle schlaganfallpatienten eingeliefert werden und zweitens die station, auf die soweit nur irgend möglich alle sterbenden patienten geschafft werden. ich bin ja mittlerweile, nach über 6 jahren arbeit in zeitweilig fünf verschiedenen krankenhäusern (ohja, springer zu sein ist toll), zu der überzeugung gelangt, daß es in jedem krankenhaus eine solche 'inoffizielle' sterbestation gibt. eigentlich gar nicht dafür gedacht, müssen die dann trotzdem alles, was als bald sterbend klassifiziert wurde, einfach aufnehmen.

natürlich starb gleich in der ersten woche meine erste patientin. oh, versteht mich nicht falsch, sie war 72 und dementsprechend mit krankheiten versorgt, an sich eine durchaus gute und logische erklärung. altersdiabetes (nur mit werten über 600 war diese frau als geistig normal einzustufen, bei wirklich 'normalen' werten von 200 - für so zuckerkranke leute durchaus anstrebenswerte werte - mußten wir sie fixieren, damit sie nicht sich und andere in gefahr bringt), herzprobleme, gangräne diabetischer genese in beiden beinen. am morgen hatte ich sie noch gewaschen, pflegevisite gemacht (rr, puls, temperatur, stuhlgang ja/nein, etc) und ihr das frühstück gegeben. gegen 14 uhr, kurz vor ende der frühschicht (6 - 14 uhr) machte ich meinen letzten rundgang in den mir zugeteilten bereichen (3 zimmer). in ihrem zimmer war ich so etwa alle halbe stunde mal drin gewesen. beim letzten reinschauen vorm heimgehen dann überkam mich gleich schon nachdem ich die tür aufgemacht hatte ein seltsames gefühl. so ruhig hatte sie noch nie dagelegen, seit wir ihren zucker auf rund 250 eingependelt hatten. ganz der große möchtegernarzt ging ich gleich zu ihr hin, sprach sie an. keine reaktion. nochmal, diesmal lauter. keine reaktion. puls gefühlt. kein radialispuls (handgelenk), kein femoralispuls (leiste) und am hals war auch nichts. ich ging, um die schwester zu benachrichtigen, daß mit frau s. was nicht stimmen konnte, nicht ohne vorher das fenster zu öffnen....was jeder, der mal im krankenhaus gearbeitet hat und nen toten hatte automatisch macht, ohne wirklich zu wissen, weshalb. die schwester bestätigte mir natürlich, was ich eh schon wußte, und der arzt nur noch abnickte. so war das also. schwupps und weg. mir war ja klar gewesen, daß sowas während meiner schicht passieren konnte, aber dieses wissen nützt nichts, glaubts mir. dieses wissen nützt rein gar nichts, wenns dann tatsächlich soweit ist. es ist ein interessantes gefühl, das zu erledigen, was danach kommt. viele wissen vermutlich gar nicht, was im krankenhaus mit verstorbenen passiert. ich wußte es jedenfalls bis dahin nicht. der oder die verstorbene bekommt ein neues nachthmd/flügelhemd angezogen, wird davor gewaschen und etwaige infusionen, PEGs etc entfernt. dann bindet man den kiefer zusammen und faltet die hände. in dem zustand bleibt der verstorbene noch drei stunden in dem zimmer, damit die verwandten kommen können...

den vorgang habe ich während meiner zivizeit ca 40 oder 50 mal mitgemacht.

und dann kam die ausbildung zum mtra und die arbeit als ein solcher während der praktischen ausbildung.

während die menschen auf station noch vergleichsweise in ruhe und frieden sterben können, sieht mensch hier das wahre gesicht des todes. wer einmal ein polytrauma mit vollem programm erleben durfte/mußte, der weiß, wie qualvoll sterben sein kann.

wie pervers muß mensch eigentlich sein, sich immer wieder solche berufe auszusuchen, immer wieder an orten zu arbeiten, wo man vor solchen dingen gar nicht weglaufen kann ?

ja, der mensch ist zerbrechlich und sehr leicht kaputt zu machen. und eben weil ich die eine oder andere erfahrung hab machen dürfen/müssen/können, habe ich eine patientenverfügung. ich werde nicht als schlauchmonster enden, ich nicht...

2 Comments:

Blogger Aninia1 said...

*seufz'* Das Sterben.... Kenne ich, ja. Ist wirklich ein komisches Gefühl; gar nicht zu beschreiben. Die Vorgänge "danach" kenne ich nur schemenhaft, weil ich die allenfalls durch schmale Türspalte verfolgt habe.
Aber das Liegen der leeren Hülle, die einmal ein Mensch war, kenne ich nur zu gut. Wie oft hatte ich mich in die "Leichenhalle", den Raum ganz am Ende der Station 1, im Altenheim, geschlichen und mich dieser genähert. Ja, nur noch eine Hülle ohne Inhalt.

10:49 nachm.

 
Blogger soulreapers blogdorado said...

besonders befremdlich ist ja das gefühl, daß man hat, wenn man diese "nachsorge" betreibt. du wäschst ein kaltes stück fleisch, haargenau so ist es...du sagst dir mehrmals "hey, das war ein mensch wie du auch !", aber nach dem ersten dutzend hörst du auf zu zählen, nach dem ersten dutzend ist alles nur noch arbeitsmaterial...

befremdlich auch, wenn du genau denselben menschen tagelang vorher gepflegt hast, dir geschichten über seine enkel und urenkel angehört hast, die dich eigentlich nullinger interessieren, doch jetzt bekommt das ganze ne völlig andre bedeutung. der tonfall, in dem erzählt wurde, der wille, es zu erzählen....

ja, mensch spürt, daß er/sie stirbt und mensch möchte sich vorher nochmal mitteilen.

10:57 nachm.

 

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